Dorfjugend

Es wird oft so hingestellt, als wäre die Großstadt keine gute Sache, wenn es darum geht, Kinder großzuziehen. Zu viel Lärm, Verkehr, verrückte und/oder gefährliche Menschen. Da scheint das Landleben eine gute Alternative. Die Luft ist gut, das Kind lernt, wie eine Kuh aussieht und vielleicht sogar ein Schwein, es besteht die Hoffnung, dass das Kind mehr draußen spielt als vor dem Monitor. Es gibt ja viele gute Möglichkeiten hier, die verhindern, dass es den Großen und den lieben Kleinen nicht langweilig wird. Fußball- oder wahlweise Reitclub, Schwimmverein, Jugendfeuerwehr, Faschingsvereine, Kirchengruppen für die, die’s mögen, Schützenverein (auch für die, die’s mögen), Musikverein – alles da.

Dumm nur, wenn dieser Plan durchkreuzt wird von Wendungen des Schicksals, die keiner kommen sah. Was, wenn das Kind zum Beispiel allergisch ist auf alles, das in der Natur wächst oder seine Pollen fliegen lässt? Dann ist es aus mit den Spielen draußen im Sommer, denn während die Nachbarskinder auf den Wiesen toben, liegt der kleine Allergiker mit verquollenen Augen niesend in einem abgedunkelten Zimmer. Oder was, wenn der Sohnemann Fußball so gar nicht leiden kann und für Tennis nicht die nötige Koordination mitbringt? Dann wird es schwierig, weil es auf dem Dorf nicht viel zu tun gibt außer dem, was es eben zu tun gibt.

Sicher, es gibt immer etwas zu tun. Man kann auch lesen oder ausnahmsweise die Hausaufgaben machen, wenn man eh schon in einem abgedunkelten Zimmer sitzt. Das hat aber den unangenehmen Nebeneffekt, dass man in der Schule immer besser wird (ob man nun will oder nicht) und dann schnell erkennen muss, dass das im Allgemeinen so eine Sache ist mit der Andersartigkeit (die man nun aufweist, ob man nun will oder nicht). Da wird eine 30-minütge Schulbusfahrt dann schnell zum täglichen Horrortrip mit Knüffen, Beleidigungen und Kaugummi an den Klamotten. Gut, dann kann man aus der Not eine Tugend machen und sich ohne schlechtes Gewissen einigeln, wenn einen sowieso niemand ausstehen mag. Auf einmal hat man dann viel Zeit, sich einen Fluchtplan zurechtzulegen und für die nötigen Bedingungen zu sorgen, so schnell als möglich, das Weite zu suchen. Mit den Widrigkeiten kommt man so lange schon irgendwie klar, den Begriff Mobbing hat auch noch keiner für die Schule verwendet, wo ist also das Problem? Die Schule dauert sechs Stunden am Tag, inklusive Busfahrten ist man also nur 7 von 24 Stunden der Willfähr anderer ausgesetzt. Und das Elend ist planbar: Dienstags 5. und 6. Stunde Sport (natürlich Fußball) – Pakt mit dem Sportlehrer zur Verweigerung, die durch Teilnahme an der Leichtathletik (Rennen kann man ja), nicht zu einer 6 sondern einer 4 führt. Montags und Donnerstags: Biologie mit dem Klassenschwachmaten im Genick – Pakt mit anderen unliebsamen Gestalten zur gegenseitigen Entfernung von Tintenattacken am Hinterkopf. Große Pausen – Sonderdienste für die Lehrer, ein Streber ist man eh schon, also kommt es darauf auch nicht mehr an, wenigstens keine Haue. Und dergleichen mehr. Am Ende wird man zum Verhandlungstalent, das kann ja nicht schaden.

Irgendwann kommt dann der erste Befreiungsschlag in Form des Führerscheins. Kaum sitzt man nicht mehr im Schulbus, fängt man schon an, sich zu erholen – auch wenn das Maß an Gleichgültigkeit sich in den letzten Jahren durchaus bewiesen hat und zu wesentlich weniger Aufmerksamkeit von Seite des Feindes geführt hat, der sich inzwischen sowieso mehr auf die Klassenschnallen als das Drangsalieren anderer konzentriert. Da ist dann die Freiheit schon zum Greifen nahe und man fängt an zu spinnen, sieht sich schon als Fachanwalt für Seerecht aus der schwäbischen Provinz nach Hamburg ziehen oder als Rechtmedizinier die kriminalistische Fachwelt aufmischen. Da geht einem dann aber auch auf, dass man eindeutig zu viel gelesen hat und eine irgendwie unheilvolle Sucht nach Ally McBeal entwickelt hat.

Egal, was man macht, es ist ziemlich sicher, dass man raus kommt und bald schon zu vergessen beginnt, weil man sieht, dass es in der Großstadt viele vom gleichen Schlag gibt, die so gar nicht am Rande stehen. Sicher, da ist der Lärm, der Verkehr, da sind die Verrückten. Aber das sind lächerliche Widrigkeiten im Vergleich zu dem. was man irgendwann in grauer Vorzeit hinter sich gebracht hat. Also wird dann alles gut. Nein, immer besser, spätestens, wenn man beim Klassentreffen sieht, was aus denen geworden ist, die es damals nicht gut mit einem meinten. Auch die haben vergessen und sind deswegen der festen Überzeugung, man wäre einst gut befreundet gewesen. Damit kann man leben, es gibt kein Rachegefühl. Es reicht die kleine, scharfe Freude darüber, dass die nicht wissen, was sie eigentlich verpassen. Soviel Zynik muss erlaubt sein.

Und trotzdem: Irgendwann stellt man dann fest, dass man das Dorfleben so schlecht nicht findet. Ohne Lärm, Verkehr und Verrückte. Man würde sicher seine Kinder lieber hier aufwachsen sehen. Obwohl, irgendein dummes, kleines Bauchgefühl ist da aber man hat vergessen, was es war und geht ins Haus, weil man schon wieder verquollene Augen hat.

 

Schwäbische Hausfrauen

SpätzleDer Innbegriff der schwäbischen Hausfrau ist eine tüchtige Person (allein das schon scheint eine schwäbische Tugend zu sein). Sie ist eine Küchengöttin, schabt Spätzle vom Brett in Lichtgeschwindigkeit (die Meisterklasse), tischt Braten, Maultaschen und Flädlessupp‘ auf und sorgt so für die Erhaltung der Tatkraft der Männer im Ländle. Sie ist also eine treue Fürsorgerin, die wie eine Löwin ihr Revier verteidigt und nichts, aber auch gar nichts, auf ihre Familie kommen lässt.

Sie ist aber auch eine sehr kommunikative Zeitgenossin und lässt sich gern auch beim Tratsch mit den Hausfrauen-Zeitgenössinen zu einem Likörchen hinreißen. Ein pflichtbewusster Genussmensch par excellence also, der die schwäbische Kultur aufrecht erhält.

Sie kennzeichnet einen wesentlichen Charakterzug des Schwaben an sich, indem sie über alles und immer Bescheid weiß und, wenn es ihr zum eigenen Vorteil gereicht, dieses Wissen auch mit den Zeitgenossen teilt. Sie ist eine Königin der Intrige und eine stille Revolutionärin. Die schwäbische Hausfrauenbewegung analysiert Probleme vor Ort messerscharf und hat eine starke Meinung. Leider bleibt es oft beim sich Beschweren und Intrigieren, was der Gesellschaft dann häufig nicht nutzt. So kann es kommen, dass eine in die Jahre gekommene schwäbische Hausfrau auch einmal verbittert zurückbleibt ob der Schmach und der Missstände um sie herum. Ihre Kommentare nach innen und außen werden dann weniger mütterlich und man sollte ihr nicht einmal an guten Tagen den Weg kreuzen. Wegen dieser Wesensentwicklung aber auch der tüchtigen Vorzüge kann der Schwabe nicht mit ihr aber auch nicht ohne sie. Die Auswirkungen des Dilemmas auf den Schwaben  lassen sich dann verbildlicht in den örtlichen Gastwirtschaften bestaunen, wo mit viel Most oder Bier und zum Ende ein paar Obstbränden die Welt wieder gerade gerückt wird.

Die schwäbische Hausfrau lebt in ländlichem Gebiet, wo sie bis heute, auch in jüngeren Generationen, noch anzutreffen ist, zum Beispiel beim typisch liebevollen Ausgestalten von Veranstaltungen, deren Ästhetik und Sinn sich dem Außenstehenden um keinen Preis eröffnen werden. Sie hegt, allen Widrigkeiten zum Trotz, eine schier endlose Harmonie, die, wenn nötig, mit Gewalt über jede Veranstaltung gebracht wird. So ist das Landleben ein Schönes, auch wenn es unter der Oberfläche brodelt aber das wird sich dem vorbeiziehenden Besucher nicht erschließen und somit ist die schwäbische Hausfrau eine hervorragende Marketing-Expertin in eigener Sache.

In der Stadt werden Sie dieses Exemplar nicht antreffen – kulturelle Vermischung und Verwässerung haben die wenigen verbleibenden ihrer Art an den Rand, ins Verborgene gedrängt. Dort spielt sich nun ab, was sie nicht vertreten kann: offener Protest, ehrliche Meinungen, Konflikte allerorts. Und keine Möglichkeit, die eigene Kulturästhetik gegen den nationalen, ja globalen Geschmack durchzusetzen. Mit der Landflucht ist die schwäbische Hausfrau also ein vom Aussterben bedrohtes Wesen, dass es zu schützen gilt, wollen wir nicht auf das gute Essen und scharfzüngige Kritik verzichten.

Von d’r Alb ra

In Schwaben kennt man drei ernsthafte Krakheiten: Lepra, Cholera und von d’r Alb ra. Letztere bezeichnet eher einen Makel als ein Krankheitsbild, der gleichzeitig den „Erkrankten“ als von der Schwäbischen Alb (oder im ernsteren Fall von der Ostalb) stammend identifiziert und in der Aufzählung mit den echten Krankheiten einen gewissen Geburtsschaden andeutet.

Schwaben werden in Deutschland bekanntermaßen belächelt. Es ist nicht vorstellbar, dass Menschen mit solch einem seltsamen Dialekt auf allen Zylindern rund laufen. Zahlreiche erfolgreiche Unternehmen aus und in dieser Region und das Vorhandensein berühmter Töchter und Söhne dürften jedoch inzwischen den Beweis geliefert haben, dass hier doch ein gewisses Potenzial ruht (selbst, wenn diese Tatsache meist im Hinterkopf oder auf dem Blatt des politisch Korrekten gehalten wird, um ungehemmt weiter lästern zu können).

Nun sind die Schwaben aber weder wegen ihrer an den Rand geschobenen Stellung besonders nett anderen Minderheiten gegenüber noch sind sie als Gruppe besonders homogen, was nur noch mehr dazu beiträgt, dass die Untergruppen der Schwaben sich voneinander abzugrenzen versuchen. Die Schwaben in der Hauptstadt (Stuttgart) sind selbstverständlich als Crème de la crème zu identifizieren, alles andere ist Provinz und mithin zu vernachlässigen. Im geographischen Pool der Provinz schwimmt dann diese unaussprechliche Insel: die Schwäbische Alb. Über Menschen dieser Herkunft lacht selbst der Schwabe, handelt es sich doch um einfache, ja, dümmliche Schildbürger, die obendrein eher hedonistisch veranlagt sind und somit dem Image des fleißigen, erfinderischen und umtriebigen Schwaben schaden.

SchäbischeAlbAuf eben diesen Menschen von der Alb ist dann auch der Schimpfname „Mostkopf“ gemünzt, der von einer weiteren Art Schwaben, nämlich der bayerischen Schwaben erfunden und eingesetzt wurde. Die bayerischen Schwaben hausen, wie der Name vermuten lässt, im südöstlichen Teil Deutschlands jenseits der Grenze zwischen Baden-Württemberg und Bayern. Ihre Verbreitung reicht von der Gegend um Ulm bis ins Allgäu und auch hier ist von Homogenität nicht zu sprechen.

Aber genug der sozialgeographischen Schilderungen, es geht hier um mich. Ich selbst bin ein fataler Mischling: Mein Vater wurde mit seinen fünf Geschwistern in Baden-Württemberg groß, ist also, was man als einen „Mostkopf“ bezeichnen könnte. Seine Eltern aber sind Karpatendeutsche (kann ich mir deswegen Migrationshintergrund zuschreiben?). Meine Mutter ist eine bayerische Schwäbin und ihre Familie war dort, wenn ich es richtig verstanden habe, schon immer.

Ich wurde in Baden-Württemberg geboren, in der Kleinstadt Giengen, die in den frühen 80ern, als ich das Licht der Welt erblickte, genauso wenig Charme besaß wie heute. Die Menschen hier waren entweder alt eingesessen und betrieben seit Generationen die Läden in der Marktstraße, waren Lehrer an Gymnasium, Realschule oder einer der Grund- und Hauptschulen oder sie arbeiteten bei Bosch (das Leben hier war zu einem großen Teil von Kühlgeräten bestimmt) oder sie verdienten ihre Brötchen bei Steiff (Kuscheltiere) oder Alligator (Reifenventile). Sicher, es gab damals auch mehr Firmen, mein kindliches Hirn und somit meine heutige Erinnerung umrissen das aber nicht. Ach ja, da war auch noch eine Brauerei, weswegen es im Ortskern regelmäßig widerlich nach Biermaische stank.

Als ich zehn Jahre alt war, beschlossen meine Eltern, ein Haus zu bauen und somit der Knechtschaft der Vermieter zu entgehen. Damit begann für mich mein Lebensabschnitt als bayerischer Schwabe, denn Grund und Haus lagen jenseits der bayerischen Grenze, also näher der mütterlichen Herkunft. Das Kaff (darf ich so sagen), das also mein Elternhaus beherbergt, liegt im Landkreis Dillingen (Kennzeichen DLG, auch gelesen „Deutschlands letzte Gegend“) und diese ländliche Idylle hatte und hat außer sich selbst nicht viel zu bieten.

Alle folgenden Einträge sollen Einblick geben in den Alltag in Schwaben und ein Stück weit in den meiner Familie: Der Zweck? Vielleicht hilft es ja, die Schwaben ein bisschen besser zu verstehen.