Dienstreisen

Wenn mich manchmal Leute fragen, was ich beruflich mache, sage ich, ich reise. So ganz trifft es das nicht, weil ich natürlich nicht für’s Reisen bezahlt werde, ich bin weder Pilot noch arbeite ich bei einem Reiseveranstalter. Ich arbeite bei einem Fachverlag und bin im Vertrieb und Marketing für Europa und Lateinamerika zuständig – das bringt zwangsläufig zehntausende Kilometer Reisen im Jahr mit sich.

Ich bin es inzwischen gewohnt, auf Achse zu sein und wenn ich zu lange im Büro sitze, werde ich hibbelig und muss „auf die Straße“. Das ist jetzt schon seit über vier Jahren so. Und während dieser ganzen Zeit habe ich unzählige Male von Kollegen, Freunden und der Familie zu hören bekommen, wie beneidenswert dieser Umstand doch ist. Sicher, ich habe mir das ausgesucht und (um das vorweg zu nehmen), ich will mich auch nicht beschweren, ganz im Gegenteil.

Aber einige Dinge scheinen doch in den Köpfen der Menschen zu geistern, die schlicht nicht der Wahrheit entsprechen. Nehmen wir zum Beispiel die Annahme, man würde so viel von der Welt sehen. Oder man könnte die Wärme im Süden genießen und den schönen Winter im Norden.

Da lohnt es sich vielleicht, einmal die Dinge ins rechte Licht zu rücken… Man lebt auf Dienstreisen in der Regel aus dem Koffer, weil man ständig wo anders hin muss und es sich nicht lohnt, auszupacken. Das heißt, man muss sich zur Disziplin zwingen, weil sonst Chaos herrscht. Wenn man lange unterwegs ist, kann man ständig irgendwas in die Reinigung im Hotel geben und das geht ins Geld (nicht, dass der Arbeitgeber so etwas zahlen würde). Dann ist man prinzipiell fremd, wo auch immer man hinkommt – zumindest beim ersten Mal. Das heißt, die einfachsten Dinge sind schon anstrengend: wie komme ich von A nach B? Wo finde ich was zu essen? Wie war das mit dem Geld wechseln? Weil man den ganzen Tag arbeitet und das oft in anderen Zeitzonen, ist man meist auch recht müde, das heißt, mann rafft sich abends eben nicht auf, nochmals spazieren zu gehen oder in ein nettes Restaurant. Meist endet man mit Essen aus dem Room Service vor der Glotze und checkt noch seine Emails. Und wenn man doch mal Zeit hat und wach ist, fragt man sich manchmal, ob man einfach so ohne weiteres draußen rumlaufen kann – so zum Beispiel mancherorts in Südamerika. Und, ganz ehrlich, mit dem Taxi in ein Mega-Einkaufszentrum zu fahren, ist nur bedingt spannend. Nun, wenigstens ist die Art des Reisens angenehm. Bei einem 12 Stunden Flug darf man sich gern in der Business Class entspannen und genießen. Aber das ist weniger Privileg als Kalkül: Der Arbeitgeber will schließlich, dass man am Ziel ankommt und möglichst sofort einsatzbereit und nicht von der Reise erschlagen ist.

DienstreisenEs gibt hier also schon ein paar Haken an der wundervollen Reisewelt. Aber ich hatte gesagt, ich will mich nicht beschweren. Denn auch das Arbeiten in einem völlig anderen Umfeld, mit ganz anderen Menschen hat seinen Reiz. Und ein bisschen Sight-Seeing geht immer, wenn man ein bisschen früher ein Taxi nimmt und dem Fahrer sagt, er soll unterwegs an ein paar schönen Orten vorbeifahren. Und Dienstreisen formen. Sie machen einen zum Organisationsprofi, nehmen einem Hemmungen (wer fragt heute schon noch groß um Hilfe?) und sie erweitern einem unglaublich den Horizont. Genau deswegen bin ich auch schon wieder hibbelig.

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Schwäbische Hausfrauen

SpätzleDer Innbegriff der schwäbischen Hausfrau ist eine tüchtige Person (allein das schon scheint eine schwäbische Tugend zu sein). Sie ist eine Küchengöttin, schabt Spätzle vom Brett in Lichtgeschwindigkeit (die Meisterklasse), tischt Braten, Maultaschen und Flädlessupp‘ auf und sorgt so für die Erhaltung der Tatkraft der Männer im Ländle. Sie ist also eine treue Fürsorgerin, die wie eine Löwin ihr Revier verteidigt und nichts, aber auch gar nichts, auf ihre Familie kommen lässt.

Sie ist aber auch eine sehr kommunikative Zeitgenossin und lässt sich gern auch beim Tratsch mit den Hausfrauen-Zeitgenössinen zu einem Likörchen hinreißen. Ein pflichtbewusster Genussmensch par excellence also, der die schwäbische Kultur aufrecht erhält.

Sie kennzeichnet einen wesentlichen Charakterzug des Schwaben an sich, indem sie über alles und immer Bescheid weiß und, wenn es ihr zum eigenen Vorteil gereicht, dieses Wissen auch mit den Zeitgenossen teilt. Sie ist eine Königin der Intrige und eine stille Revolutionärin. Die schwäbische Hausfrauenbewegung analysiert Probleme vor Ort messerscharf und hat eine starke Meinung. Leider bleibt es oft beim sich Beschweren und Intrigieren, was der Gesellschaft dann häufig nicht nutzt. So kann es kommen, dass eine in die Jahre gekommene schwäbische Hausfrau auch einmal verbittert zurückbleibt ob der Schmach und der Missstände um sie herum. Ihre Kommentare nach innen und außen werden dann weniger mütterlich und man sollte ihr nicht einmal an guten Tagen den Weg kreuzen. Wegen dieser Wesensentwicklung aber auch der tüchtigen Vorzüge kann der Schwabe nicht mit ihr aber auch nicht ohne sie. Die Auswirkungen des Dilemmas auf den Schwaben  lassen sich dann verbildlicht in den örtlichen Gastwirtschaften bestaunen, wo mit viel Most oder Bier und zum Ende ein paar Obstbränden die Welt wieder gerade gerückt wird.

Die schwäbische Hausfrau lebt in ländlichem Gebiet, wo sie bis heute, auch in jüngeren Generationen, noch anzutreffen ist, zum Beispiel beim typisch liebevollen Ausgestalten von Veranstaltungen, deren Ästhetik und Sinn sich dem Außenstehenden um keinen Preis eröffnen werden. Sie hegt, allen Widrigkeiten zum Trotz, eine schier endlose Harmonie, die, wenn nötig, mit Gewalt über jede Veranstaltung gebracht wird. So ist das Landleben ein Schönes, auch wenn es unter der Oberfläche brodelt aber das wird sich dem vorbeiziehenden Besucher nicht erschließen und somit ist die schwäbische Hausfrau eine hervorragende Marketing-Expertin in eigener Sache.

In der Stadt werden Sie dieses Exemplar nicht antreffen – kulturelle Vermischung und Verwässerung haben die wenigen verbleibenden ihrer Art an den Rand, ins Verborgene gedrängt. Dort spielt sich nun ab, was sie nicht vertreten kann: offener Protest, ehrliche Meinungen, Konflikte allerorts. Und keine Möglichkeit, die eigene Kulturästhetik gegen den nationalen, ja globalen Geschmack durchzusetzen. Mit der Landflucht ist die schwäbische Hausfrau also ein vom Aussterben bedrohtes Wesen, dass es zu schützen gilt, wollen wir nicht auf das gute Essen und scharfzüngige Kritik verzichten.

Freiheit mit aller Gewalt?

Es ist vielen Menschen in Deutschland ein Rätsel, wie es sein kann, dass in den USA quasi ein jeder Privatmensch eine Waffe besitzen darf. Jedes Mal, wenn wieder ein Jugendlicher aus unerfindlichen Gründen eine Schule stürmt und ein Gemetzel anrichtet, kommt von neuem die Diskussion über Waffenverbote auf. Der Besitz von Waffen müsse verboten werden, es sei ein Skandal, dass man in den USA so leicht an Waffen komme – dem Problem der Waffengewalt ließe sich so einfach ein Ende machen. Scheinbar. Aber ganz so einfach ist die Sache meiner Meinung nach nicht.

Smith & Wesson RevolverIn Deutschland können Kreti und Pleti nicht so einfach in einen Laden gehen, um sich eine Wumme zu kaufen und das ist auch gut so. Ohnehin sehen die meisten von uns keinen Nutzen im Besitz einer Waffe zu privaten Zwecken (von Sportschützen einmal abgesehen, die hier auch nicht zu Kreti und Pleti zählen). Wir haben keinen Bezug zu Waffen, wir wissen nur, dass sie Schlimmes anrichten können. Trotzdem ereifern wir uns, den US-Amerikanern mit erhobenem Zeigefinger ein Verbot des privaten Waffenbesitzes zu empfehlen. Dabei ist womöglich nicht der Besitz von Waffen das Problem selbst.

Jeder Mensch (auch die US-Amerikaner) weiß, dass Waffen den Tod herbeibringen können. Hier haben wir eine gleiche Ausgangslage. Danach ist aber fast alles grundverschieden. Seit Jahrhunderten existiert in den USA das Gesetz, das es den Bürgern erlaubt, Waffen zu besitzen. Gut, könnte man sagen, das ist veraltet, führt nur zu Problemen, man sollte es womöglich einfach abschaffen. Einfach ist hier jedoch nichts zu machen, denn über diesem Gesetz steht das Recht des US-Amerikaners auf Freiheit und dieses ist ihm das wichtigste Recht. Es führt dazu, dass sich der US-Bürger nicht gerne hineinreden lässt, weder von außen noch aus den eigenen Reihen. Man hat ein Recht darauf, mit seinem Leben anzufangen, was auch immer man möchte und vor allem, seine Rechte auszuleben. Den US-Bürgern die Waffen zu verbieten ist also eine Beschneidung ihrer Freiheit, ihres wichtigsten und grundsätzlichsten Rechtes. Ich kann mir deshalb kaum vorstellen, dass es in den USA in nächster Zeit ein Gesetz geben wird, dass den Besitz von Waffen verbietet. Die Diskussion um dieses Verbot ist reine Polemik.

Vielmehr sollte darüber nachgedacht werden, wie die Regeln aussehen, die erfüllt werden müssen, um eine Waffe zu bekommen. Hier fallen dann Stichworte wie geistige Gesundheit und dergleichen. Dummerweise ist es so, dass die meisten Amokläufer vorher recht normal erschienen – also auch kein sehr zielführender Ansatz. Das führt immer weiter dazu, dass dies eine Diskussion ohne Ende ist und in ein pathetisches Hauen und Stechen um „Recht“ oder „Unrecht“ verfällt. Soviel zum Thema „einfach“ verbieten.

Wenn wir einmal wieder mahnend den Zeigefinger heben, sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass wir vielleicht einiges mit den US-Bürgern gemein haben, dass wir aber in ein paar entscheidenden Punkten grundverschieden ticken und dass wir für uns selbst vielleicht die Weisheit mit Löffeln gefressen haben aber nicht für andere. Und wir sollten uns vielleicht einmal fragen, wie es sein kann, dass in Deutschland der Waffenbesitz verboten ist, dass wir aber in ihrer Art genauso verheerende Waffendelikte zu verzeichnen haben. Ist ein Verbot dann wirklich die Lösung?

Ich denke, die US-Bürger wären viel eher bereit, sich von ihren Waffen zu trennen, wenn sie keinen vermeintlichen Grund mehr hätten, welche zu besitzen – scheinbar fühlen sie sich latent unsicher. Dafür müsste man zum Beispiel gleiche Chancen schaffen, Diskriminierungen beenden etc. so dass niemand mehr einen Grund hat, etwas zu tun, das andere mit Waffengewalt abwehren müssen. Soziale Gerechtigkeit also. Und wenn wir dieses Diskussions-Fass aufmachen, wird klar, warum die Diskussion so überhaupt nicht einfach ist. Und vielleicht wird uns auch klar, dass es bei uns immer mehr Leute gibt, die denken, eine Waffe wäre für den Schutz ihrer selbst ganz nützlich.

Es geht also womöglich nicht um die Waffe per se. Es geht um oben und unten, um Arm und Reich, um dekadent und frustriert, um „normal“ und „irre“. Und da soll es eine Besserung bringen, dieses „Werkzeug“ zu verbieten?