Von d’r Alb ra

In Schwaben kennt man drei ernsthafte Krakheiten: Lepra, Cholera und von d’r Alb ra. Letztere bezeichnet eher einen Makel als ein Krankheitsbild, der gleichzeitig den „Erkrankten“ als von der Schwäbischen Alb (oder im ernsteren Fall von der Ostalb) stammend identifiziert und in der Aufzählung mit den echten Krankheiten einen gewissen Geburtsschaden andeutet.

Schwaben werden in Deutschland bekanntermaßen belächelt. Es ist nicht vorstellbar, dass Menschen mit solch einem seltsamen Dialekt auf allen Zylindern rund laufen. Zahlreiche erfolgreiche Unternehmen aus und in dieser Region und das Vorhandensein berühmter Töchter und Söhne dürften jedoch inzwischen den Beweis geliefert haben, dass hier doch ein gewisses Potenzial ruht (selbst, wenn diese Tatsache meist im Hinterkopf oder auf dem Blatt des politisch Korrekten gehalten wird, um ungehemmt weiter lästern zu können).

Nun sind die Schwaben aber weder wegen ihrer an den Rand geschobenen Stellung besonders nett anderen Minderheiten gegenüber noch sind sie als Gruppe besonders homogen, was nur noch mehr dazu beiträgt, dass die Untergruppen der Schwaben sich voneinander abzugrenzen versuchen. Die Schwaben in der Hauptstadt (Stuttgart) sind selbstverständlich als Crème de la crème zu identifizieren, alles andere ist Provinz und mithin zu vernachlässigen. Im geographischen Pool der Provinz schwimmt dann diese unaussprechliche Insel: die Schwäbische Alb. Über Menschen dieser Herkunft lacht selbst der Schwabe, handelt es sich doch um einfache, ja, dümmliche Schildbürger, die obendrein eher hedonistisch veranlagt sind und somit dem Image des fleißigen, erfinderischen und umtriebigen Schwaben schaden.

SchäbischeAlbAuf eben diesen Menschen von der Alb ist dann auch der Schimpfname „Mostkopf“ gemünzt, der von einer weiteren Art Schwaben, nämlich der bayerischen Schwaben erfunden und eingesetzt wurde. Die bayerischen Schwaben hausen, wie der Name vermuten lässt, im südöstlichen Teil Deutschlands jenseits der Grenze zwischen Baden-Württemberg und Bayern. Ihre Verbreitung reicht von der Gegend um Ulm bis ins Allgäu und auch hier ist von Homogenität nicht zu sprechen.

Aber genug der sozialgeographischen Schilderungen, es geht hier um mich. Ich selbst bin ein fataler Mischling: Mein Vater wurde mit seinen fünf Geschwistern in Baden-Württemberg groß, ist also, was man als einen „Mostkopf“ bezeichnen könnte. Seine Eltern aber sind Karpatendeutsche (kann ich mir deswegen Migrationshintergrund zuschreiben?). Meine Mutter ist eine bayerische Schwäbin und ihre Familie war dort, wenn ich es richtig verstanden habe, schon immer.

Ich wurde in Baden-Württemberg geboren, in der Kleinstadt Giengen, die in den frühen 80ern, als ich das Licht der Welt erblickte, genauso wenig Charme besaß wie heute. Die Menschen hier waren entweder alt eingesessen und betrieben seit Generationen die Läden in der Marktstraße, waren Lehrer an Gymnasium, Realschule oder einer der Grund- und Hauptschulen oder sie arbeiteten bei Bosch (das Leben hier war zu einem großen Teil von Kühlgeräten bestimmt) oder sie verdienten ihre Brötchen bei Steiff (Kuscheltiere) oder Alligator (Reifenventile). Sicher, es gab damals auch mehr Firmen, mein kindliches Hirn und somit meine heutige Erinnerung umrissen das aber nicht. Ach ja, da war auch noch eine Brauerei, weswegen es im Ortskern regelmäßig widerlich nach Biermaische stank.

Als ich zehn Jahre alt war, beschlossen meine Eltern, ein Haus zu bauen und somit der Knechtschaft der Vermieter zu entgehen. Damit begann für mich mein Lebensabschnitt als bayerischer Schwabe, denn Grund und Haus lagen jenseits der bayerischen Grenze, also näher der mütterlichen Herkunft. Das Kaff (darf ich so sagen), das also mein Elternhaus beherbergt, liegt im Landkreis Dillingen (Kennzeichen DLG, auch gelesen „Deutschlands letzte Gegend“) und diese ländliche Idylle hatte und hat außer sich selbst nicht viel zu bieten.

Alle folgenden Einträge sollen Einblick geben in den Alltag in Schwaben und ein Stück weit in den meiner Familie: Der Zweck? Vielleicht hilft es ja, die Schwaben ein bisschen besser zu verstehen.

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